Samstag, 20. April

Wundermittel oder Quacksalberei?

Die Abnehmspritze

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Gewicht verlieren ohne Hungerkur und schweißtreibenden Sport – für viele Menschen ist die neue sogenannte Abnehm- oder Fett-weg-Spritze ein Traum, der Wirklichkeit geworden ist. Tatsächlich ermöglichen die Inkretinmimetika mit den Wirkstoffen Semaglutid, Tirzepatid, Retratutide oder Orforglipron eine Gewichtsreduktion von bis 25 Prozent. Das weckt Begehrlichkeiten auch bei Menschen, die nur ein paar überschüssige Pfunde verlieren wollen. Im folgenden Beitrag beantworten wir die wichtigsten Fragen nach dem angeblichen Wundermittel.

Für wen kommt die Abnehmspritze in Frage und für wen nicht?

Der wichtigste Satz dieses Artikels soll gleich am Anfang stehen: „Anders als in der Berichterstattung und den sozialen Medien teilweise vermittelt wird, sind die neuen Medikamente keine leichtfertig einzusetzenden Abnehm-Spritzen für die allgemeine Bevölkerung. Es handelt sich vielmehr um verschreibungspflichtige Arzneimittel zur ergänzenden Behandlung von krankhaftem Übergewicht beziehungsweise Adipositas und Diabetes 2. Arzneimittel zur Gewichtsreduktion sollen keinesfalls unkontrolliert als Abnehm-Mittel für die Allgemeinbevölkerung ohne Vorliegen der Indikation angewendet werden“, stellt die Deutsche Adipositas Gesellschaft klar.

Schneller satt dank Spritze

Die in der Fachsprache Inkretinmimetika genannten Wirkstoffe wurden ursprünglich entwickelt, um den Blutzucker bei Patienten mit Typ-2-Diabetes zu kontrollieren, jedoch unterdrücken sie auch den Appetit und fördern ein Sättigungsgefühl. Daher werden sie auch in der Behandlung von krankhaftem Übergewicht eingesetzt. In Deutschland können sie ab einem BMI von 30 oder einem BMI von 27 mit mindestens einem gewichtsabhängigen Krankheitsbild verschrieben werden.

Welche Wirkstoffe sind zur Gewichtsreduktion zugelassen?

In den Medien wird derzeit fast ausschließlich von Semaglutid und Tirzepatid gesprochen. Doch mit Orlistat (seit 1998) und Liraglutid (seit 2015) sind zwei Wirkstoffe zur Adipositas-Therapie schon seit längerem auf dem Markt. Semaglutid und Tirzepatid sind aber sicher Meilensteine in der Adipositas- und Diabetes-2-Therapie, vor allem, weil sie deutlich größere Gewichtsreduktionen ermöglichen. Die bekanntesten Handelsnamen lauten Saxenda und Victoza (Wirkstoff Liraglutid), Ozempic und Wegovy (beide mit dem Wirkstoff Semaglutid) sowie Mounjaro (Wirkstoff Tirzepatid).

Wie werden die Wirkstoffe verabreicht?

Liraglutid wird einmal täglich unter die Haut (am Bauch, Oberschenkel oder Oberarm) gespritzt. Semaglutid und Tirzepatid werden einmal pro Woche unter die Haut (am Bauch, Oberschenkel oder Oberarm) gespritzt.

Wie wirken die Medikamente?

„Wenn wir essen, schütten der Darm und einige andere Zellen ein Hormon namens GLP-1 aus. Die primäre Aufgabe des Hormons im Gehirn ist es, ein Stoppsignal zu vermitteln. Wir essen, der Magen füllt sich und es ist kein Platz mehr da. Diese Signale werden dem Gehirn vermittelt, um die Nahrungsaufnahme zu beenden. Wir nennen das Sättigung.“ Dieses Zitat stammt aus dem 2023 erschienen Buch „120 Jahre gesund. Das richtige Körpergewicht als Schlüssel zu einem langen Leben“ des Berliner Internisten und Kardiologen Dr. Engin Osmanoglou, einem großen Befürworter der Abnehmspritze. Nach seiner Darstellung hat das natürliche GLP-1 eine Halbwertszeit von nur zwei Minuten. Bei Liraglutid (Handelsname Saxenda) verlängere sich die Halbwertszeit auf bis zu 16 Stunden. „Das bedeutet, dass nach 16 Stunden noch die Hälfte der Sättigungswirkung vorhanden ist“, schreibt er. Beim Wirkstoff Semaglutid liege die Halbwertzeit sogar bei „bis zu zehn Tagen“.

Wie viel Gewicht kann damit verlieren?

Sehr unterschiedlich: Es gibt Menschen, die verlieren gar nichts und andere bis zu 25 Prozent ihres Ausgangsgewichts. Im Rahmen einer Studie zur Zulassung von Semaglutid lag die durchschnittliche Gewichtsreduktion bei Menschen mit Adipositas, die nicht an Diabetes erkrankt sind, zusammen mit einer Basistherapie nach einem Jahr bei etwa 15 Prozent des Ausgangsgewichts. Jeder dritte Patient erreichte sogar eine Gewichtsreduktion von mindestens 20 Prozent. Das sind deutlich größere Effekte, als mit den älteren Wirkstoffen Orlistat oder Liraglutid möglich waren.

Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?

Die häufigsten Nebenwirkungen sind gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Durchfall sowie damit korrelierende Kopfschmerzen. Zudem gibt es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Schilddrüsenkrebs. Der Internist und ehemalige Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) Prof. Dr. Helmut Schatz wies in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ darauf hin, dass es noch keine Erkenntnisse über die Langzeitwirkungen und -nebenwirkungen dieser Medikamente gebe. Zudem gebe es bereits heute „den Verdacht auf schwere Nebenwirkungen“ nicht nur in körperlicher, sondern auch psychischer Hinsicht (Verlust der Lebensfreude, Depression bis hin zum Suizid bzw. zu Suizidgedanken).

Müssen Patienten die Medikamente dauerhaft einnehmen?

Die aktuell vorliegenden Daten sprechen dafür, dass es nach Absetzen von Semaglutid wieder zu einer deutlichen Gewichtszunahme kommt und somit für die meisten Betroffenen eine dauerhafte Einnahme nötig ist, um das reduzierte Körpergewicht zu halten. Dr. Osmanoglou, der nach eigenen Angaben schon über eintausend Patienten mit Semaglutid behandelt hat, berichtet von sehr unterschiedlichen Erfahrungen: Manche seiner Patienten nahmen nach Absetzen der Spritze sofort wieder bis zu ihrem Ausgangsgewicht zu, manche nahmen ein wenig zu und andere wiederum schafften es, auch ohne Spritze ihr neues Gewicht zu halten.

Wie teuer ist die Behandlung und was zahlt die Krankenkasse?

Diese Frage lässt sich nur schwierig beantworten. Die Krankenkasse Barmer teilte uns auf Anfrage mit: „Die Therapiekosten lassen sich nicht ohne Weiteres beziffern, da sie unter anderem von der patientenindividuellen Dosierung abhängen. Das macht pauschale Aussagen leider unmöglich.“ Klar ist aber, dass die Patienten die Kosten in der Regel selbst übernehmen müssen. Das fünfte Sozialgesetzbuch schließt Arzneimittel zur „Regulierung des Körpergewichts“ und „Zügelung des Appetits“ von der Kostenerstattung durch die Krankenkassen aus. Sofern keine gesetzliche Änderung am entsprechenden Paragrafen erfolgt, wird auch das in Arbeit befindliche „Disease Management Program“ für Adipositas die neuen Arzneimittel nicht erstattungsfähig machen können.

Was sagen die Experten?

Für die Deutsche Adipositas Gesellschaft sind die neuen Inkretinmimetika ein „Gamechanger“ und ein „Durchbruch in der Adipositasbehandlung“. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) schließt sich dieser Meinung an. Unter der Überschrift „Adipositas: neue Ära bei der Therapie durch Abnehmspritzen“ schreibt DGE-Sprecher Professor Dr. Stephan Petersenn auf der DGE-Website: „Adipositas ist als ernstzunehmende Erkrankung zu werten. Insofern begrüßen wir diese wirkungsvolle Behandlungsoption.“ Die DGE kritisiert, dass die Kosten für die Behandlung bei Adipositas bisher nicht von den gesetzlichen Kassen übernommen werden. „Dabei könnten die neuen Therapien helfen, die hohen Aufwendungen für die Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislaufprobleme zu senken“, erklärt DGE-Präsident Prof. Dr. Jan Tuckermann.

Prävention von Adipositas sollte gestärkt werden

Die Stiftung Gesundheitswissen ist ebenfalls von den Erfolgen der Inkretinmimetika beeindruckt, weist aber darauf hin, dass ein Wirkstoff wie Semaglutid „kein Wundermittel gegen Adipositas“ sei. Sie betont, dass am Anfang der Adipositasbehandlung immer die Basistherapie stehen müsse, also eine Ernährungsumstellung und mehr Bewegung. „Erst wenn diese Basistherapie nicht ausreicht, kann in Absprache mit dem Arzt eine zusätzliche medikamentöse Therapie mit Semaglutid erfolgen“, heißt es weiter. DGE-Sprecher Prof. Petersenn macht bei allen Erfolgen der Inkretinmimetika auf einen weiteren wichtigen Punkt aufmerksam: „Die Prävention von Adipositas muss künftig eine viel größere Rolle spielen, denn die lebenslange Einnahme von Medikamenten ist die deutlich schlechtere Option.“

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