Dass Mikroorganismen in unserem Darm eng mit dem psychischen, mentalen und körperlichen Wohlbefinden verknüpft sind, ist mittlerweile unumstritten. Jetzt kommen immer mehr Details dieses Wechselspiels ans Licht, die Hoffnung auf neue Therapiekonzepte machen.
„Das schlägt mir auf den Magen. Ich habe Schmetterlinge im Bauch. Ich fresse meinen Ärger in mich hinein.“ – Redewendungen wie diese zeigen, dass Menschen die Verbindung zwischen Verdauung und Emotionen bereits seit Jahrhunderten intuitiv spüren. Im Jahr 2004 gelang der erste wissenschaftliche Durchbruch: Forschende aus Japan fanden heraus, dass steril aufgezogene Mäuse viel empfindlicher auf Stress reagierten als solche, die das nützliche Darmbakterium Bifidobacterium infantis in sich trugen. In den darauffolgenden Jahren wurde die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf den Menschen bewiesen und die zugrundeliegenden Mechanismen wurden weiter entschlüsselt.
Kommunikation in beide Richtungen
Demnach produzieren Mikroorganismen im Darm (Mikrobiom) bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter, Fettsäuren), die über den Vagusnerv neurologische und psychiatrische Prozesse im Gehirn beeinflussen. Umgekehrt wirkt unsere Psyche wiederum auf das Mikrobiom ein. So entzieht das Stresshormon Cortisol den Darmbewohnern die Nahrungsgrundlage, indem es die Produktion von Magenschleim hemmt. Außerdem macht Cortisol die Darmbarriere durchlässiger für Entzündungsstoffe und Krankheitserreger, die mit nützlichen Mikroorganismen konkurrieren. Auch die Aktivierung des Sympathikus („Kampf- oder Fluchtmodus“) spielt eine entscheidende Rolle: Durch die verminderte Durchblutung im Darm kommt es zu einem Sauerstoffmangel und einer für nützliche Darmbewohner schädlichen Verschiebung des pH-Wertes. Darüber hinaus schüttet der Sympathikus Noradrenalin aus und verändert die Darmbewegung – beides kann auf Dauer dazu führen, dass schädliche Bakterien überhandnehmen.
Folgen der Dysbalance
Klinische Studien haben mittlerweile eindeutig belegt, dass chronischer Stress die Zusammensetzung des Mikrobioms negativ beeinflusst. Eine reduzierte Diversität im Mikrobiom sowie eine Dominanz entzündungsfördernder Bakterien gelten heute neben genetischen und immunologischen Faktoren als Mitauslöser für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Auch bei Darmkrebs und Stoffwechselerkrankungen wie Typ-2-Diabetes konnte ein Zusammenhang mit dem Mikrobiom festgestellt werden. Zudem häufen sich die Hinweise darauf, dass ungünstige Veränderungen in der mikrobiellen Lebensgemeinschaft das Risiko für Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie, Autismus-Spektrum-Störungen und Parkinson erhöhen. Erstaunliche Ergebnisse lieferte die Forschung zur Entstehung von Alzheimer-Demenz: Charakteristische Veränderungen in der Darmflora lassen sich bereits Jahre vor den ersten Symptomen feststellen; bakterielle Giftstoffe, die über das Blut ins Gehirn gelangen, befeuern chronische Entzündungen und den Abbau von Nervenzellen.
Vielversprechende Lösungsansätze
Sogenannte „Psychobiotika“ umfassen bestimmte Bakterienstämme (Probiotika) und Ballaststoffe, die nützlichen Bakterien als Nahrung dienen (Präbiotika). Sie finden zunehmend Einzug in ganzheitliche Therapiekonzepte zur begleitenden Behandlung von Depressionen. In klinischen Studien erhielten Patienten mit Depressionen, bei denen sich mindestens zwei verschiedene Antidepressiva als wirkungslos erwiesen hatten, zusätzlich zu ihrer Therapie Präparate mit Bakterien der Gattungen Lactobacillus und Bifidobacterium. Nach acht Wochen erzielte diese Kur bei 70 Prozent der Behandelten eine deutliche Erleichterung der Symptome; bei jeder dritten Person verschwand die Depression sogar vollständig. Beim fäkalen Mikobiota-Transfer (FMT) wird der aufbereitete Stuhl einer gesunden Spenderperson auf eine erkrankte Person übertragen, um die geschädigte Darmflora wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Der FMT verzeichnet hohe Erfolgsquoten bei Clostridioides difficile-Infektionen, die trotz Antibiotika wiederkehren. Er wird auch bei CED und psychiatrischen Erkrankungen erforscht, wobei die Ergebnisse noch nicht ausreichend für einen Einsatz in der Regelversorgung sind.
Nahrung für ein gesundes Mikrobiom
Präbiotika: z. B. Lauch, Artischocken, Haferflocken, Hülsenfrüchte
Fermentierte Lebensmittel: z. B. rohes Sauerkraut, Kefir, Kombucha, Naturjoghurt
Entzündungshemmer: z. B. Kurkuma (+ schwarzer Pfeffer), kaltgepresstes Olivenöl, Heidelbeeren, Walnüsse
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