Mittwoch, 23. Oktober

Neues aus der Wissenschaft

Verhaltens-Immunsystem: Die Angst, krank zu werden, bremst die Liebe aus

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Stellen Sie sich vor: Sie suchen einen neuen Partner und haben deshalb heute Abend eine Verabredung. Allerdings haben Sie gerade auch erst eine Grippe auskuriert und ihr Bauchgefühl sagt Ihnen, da draußen lauern viele neue Viren und Bakterien. Was würden Sie tun: Zu Ihrem Date gehen? Oder lieber zuhause bleiben, um sich möglichst nicht wieder anzustecken? Dieser Frage gingen Forscher der kanadischen der McGill University nach. Ihre Ergebnisse waren eindeutig: Die Liebe hat in dem Fall verloren.

Verhaltens-Immunsystem: erste Verteidigung gegen Bakterien, Viren & Co.

Hintergrund der Studie war das sogenannte Verhaltens-Immunsystem, manchmal auch verhaltensgesteuerte Immunsystem genannt. Es geht auf Psychologieprofessor Mark Schaller von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver zurück und wird seit etwa einem Jahrzehnt erforscht. Worum es dabei geht? Im Grunde stellt es eine erste Verteidigungslinie gegen mögliche Krankheitserreger dar. Sozusagen eine einfache Schutzfunktion. „Ein Bündel von psychischen Mechanismen verhindert den Kontakt mit Krankheitserregern: ekliger Geschmack (z. B. schlecht gewordene Milche), übler Geruch (z. B. gammeliger Fisch), unangenehme Geräusche (z. B. Räuspern), unappetitliche Objekte (z. B. Erbrochenes) und unangenehme Hautgefühle (z. B. klebrige Finger). Dieses Bündel wurde in unserer evolutionären Vergangenheit geformt, als Menschengruppen isoliert lebten und bei Kontakt mit anderen Gruppen die Gefahr bestand, Krankheitserreger einzufangen, gegen die das biologische Immunsystem noch nicht gewappnet war“, schreibt Prof. Harald A. Euler, Evolutionspsychologe.

So funktioniert das Verhaltens-Immunsystem

Begründer Mark Schaller, so Bild-der-Wissenschaft-Autor Jochen Paulus, verstehe unter dem Verhaltensimmunsystem psychologische Mechanismen, die dreierlei leisten:

  • Sie reagieren auf Bedingungen in der Umwelt, die auf Keime in der Nähe hinweisen könnten.
  • Sie sorgen für eine Reaktion unserer Gefühle und Gedanken auf diese Hinweise.
  • Sie beeinflussen das Verhalten so, dass die Ansteckungsgefahr sinkt.

Wie das Verhaltens-Immunsystem die Liebe ausbremst

Anders gesagt: Wir machen um Menschen, Lebensmittel und Situationen (unbewusst) einen Bogen, wenn wir den Eindruck haben, Krankheitserreger liegen in der Luft. Das hat die Forscher der McGill University jetzt wiederum gereizt. Sie wollten wissen, wie sich das Verhaltens-Immunsystem aufs Dating-Leben auswirkt. Schließlich konkurrieren dabei zwei starke Bedürfnisse miteinander: Die Suche nach einem Partner und die Notwendigkeit sich vor Krankheiten zu schützen. Die McGill-Wissenschaftler machten sich daran, herauszufinden, was stärker ist. Dafür sensibilisierten sie das Verhaltens-Immunsystem von jungen Montrealern – zum Beispiel beim Speed-Dating und während der Online-Partnersuche. „Wir fanden heraus, dass die Aktivierung des Immunsystems unsere Partnersuche bremst“, sagte Studien-Hauptautor Natsumi Sawada, der selbst überrascht ist. Denn die Forscher hatten das Ergebnis nicht erwartet. Schließlich seien Menschen ja hochmotiviert, einen potentiellen Partner kennenzulernen.

Die Studie wurde im Personality and Social Psychology Bulletin veröffentlicht.

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